Web CarlvonClausewitz.de
Frontseite >> Reflexionen >> Strategie und Taktik in der Kriegstheorie Carl von Clausewitz' >>
 

V. Bewertung der Clausewitzschen Definition von Strategie und Taktik

1. Rationalität der clausewitzschen Begriffe

In der Kriegstheorie Carl von Clausewitz' sticht vor allem die hohe Rationalität der verwendeten Begriffe hervor, welche jedoch gleichsam an der Realität orientiert bleiben. So finden sich wesentliche Grundelemente wie etwa die Unterteilung in Mittel und Zwecke auf jeder Ebene der Ereignishierarchie wieder.

Ebenso verstand es Clausewitz den Krieg auf das Wesentliche zurückzuführen, ohne durch eine solche Vereinfachung den Wert der Theorie zu schmählern. Den Krieg faßt Clausewitz als erweiterten Zweikampf auf, die Strategie als Anordnung der Gefechte und die Taktik als Anordnung der Streitkräfte im Gefecht. Klarer wurde dies nie zuvor definiert. Während der Zweikampf im Krieg strategisch auf abstrakter Ebene stattfindet, wird er im Gefecht taktisch entschieden und letztlich konkret.

2. Zeitlosigkeit der clausewitzschen Begriffe

Die wahre Bedeutung der clausewitzschen Begriffe von Strategie und Taktik liegt jedoch in deren Universalität. Im Gegensatz zu einer Vielzahl seiner Zeitgenossen, beschrieb Clausewitz diese nicht nur für seine Zeit, sondern in einer zeitlosen Abstraktheit.

Somit überrascht es nicht, daß man seine Definitionen in der heutigen Spieltheorie wiederfindet. In dieser wird die Strategie als Aktionsplan bzw. Gesamtkonzeption gesehen, welche die Folge von Einzelentscheidungen bestimmt.(45) Setzt man nun an die Stelle von Aktionsplan/Gesamtkonzeption den Operations-/Kriegsplan und statt Einzelentscheidungen die Gefechte ein, so erhält man Clausewitz' zeitlose Strategiedefinition.

Wenn auch der Strategiebegriff heute eine so ausgedehnte Bedeutung besitzt, daß der Bezug auf den militärischen Aspekt gewissermaßen in den Hintergrund tritt, ist dieser jedoch immernoch fest in der Kriegskunst verankert. Die Kontroversen ranken sich eher um den Begriff des Krieges als um den (clausewitzschen) Begriff der Strategie.

3. Strategie und Taktik in der gegenwärtigen Kriegstheorie

Es scheint eine Ironie der (Militär-)Geschichte zu sein, daß sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Clausewitz' Begriffe von Strategie und Taktik zwar außerhalb der Militärtheorie verbreiteten, innerhalb dieser jedoch zunehmend in Frage gestellt wurden. Grund dafür war die zunehmende Bedeutung der Atomwaffen für die Kriegstheorie.

Nun wurde von einer Seite die Auffassung vertreten, daß traditionelle militärische Über-legungen mit ihren ausgefeilten Strategien und Kampftaktiken im Atomzeitalter ihre Bedeutung verloren hätten. Sie behauptet, daß heutzutage totale Abschreckung gegen Krieg die einzig mögliche Strategie sei.(46) Manfred Wörner bemerkt dazu, daß die Strategie heute nicht mehr allein - wie es Carl von Clausewitz konstatiert hat - "die Lehre vom Gebrauch der Gefechte zum Zwecke des Krieges" ist. Sie hat sich unter dem Einfluß der Kernwaffen - dialektisch paradox formuliert - in eine Lehre "vom Gebrauch der Kernwaffen zum Zwecke des Friedens gewandelt"(47). Der Grund für diese Zweckum-kehr im totalen (Atom-)Krieg liegt nach Kissinger in der Sinnlosigkeit des Sieges im (globalen) Gefecht: "Der totale Krieg ist weit von der 'normalen' Form des Konfliktes ent-fernt; er ist vielmehr ein Spezialfall...Die Zerstörungskraft der modernen Waffen nimmt dem Krieg seinen historischen Sinn. Es kann der Fall eintreten, daß selbst die Seite, die den größten Schaden zufügt, nicht mehr über die genügenden Hilfsquellen verfügt, um der gegnerischen Seite den Willen zu diktieren".(48) Clausewitz Theorie wird somit durch die ungeheure Destruktivkraft der Kernwaffen ad absurdum geführt.

Jedoch wird von der anderen Seite vehement vertreten, Krieg sei immer noch Krieg und seine Grundprinzipien seien dieselben geblieben. Das gelte vor allem für das Ziel, den Feind zu besiegen und ihn zur Erfüllung der an ihn gestellten Forderungen zu zwingen.(49) Dies zu erreichen ist Aufgabe von Strategie und Taktik. Mit den mit Atomsprengköpfen besetzten Interkontinentalraketen hat sich also lediglich das Gefechtsfeld und die Stärke der Streitkraft vergrößert. Ersteres ist global und letztere ist total geworden.

Der kalte Krieg ist nun beendet, an die Stelle der Abschreckung tritt nun die Eindäm-mung, denn solange sich der Besitz von Atomwaffen nicht auf alle Staaten der Welt beschränkt, gibt es auch noch den Krieg ohne Totalzerstörung der Welt, gibt es auch noch Orte, an denen Clausewitz´ Kriegstheorie praktiziert werden kann.
Clausewitz hat jedoch immer noch seine Gültigkeit behalten, auch unter Einbeziehung von Kernwaffen. Mit diesen ist die clausewitzsche Theorie auf einem Teilbereich lediglich dahin zurückgeworfen worden, wo sie begann: bei der Zahlung mittels eines Wechels, beim Krieg ohne Gefechte. So hat die clausewitzsche Theorie zwar geholfen, die mechanistische Auffassung seiner Vorläufer entscheidend zurückzudrängen. Ob es ihm jedoch gelang, sie endgültig beiseite geräumt zu haben, muß heute im Zeitalter der hochentwickelten Kriegstechnologie und des Glaubens an die sogenannte "Knopfdruckstrategie" dahingestellt bleiben.(50) Wenn man die Schriften moderner Kernwaffentheore-tiker liest, kann man manchmal leicht das Gefühl haben, daß v. Bülow und seinesgleichen sich wieder etablieren.(51)

4. Schlußbetrachtung

Mit seinen frühen Schriften hat Clausewitz in der Militärtheorie, um einen Vergleich aus der Architektur zu entlehnen, den Übergang vom Barock zum deutschen Klassizismus bewirkt.(52) Sein Hauptwerk Vom Kriege markiert den Übergang von der Theorie der manöverhaften Kabinettkriege zu der der absoluten Volkskriege.

Clausewitz ist damit nicht nur Wegbereiter der modernen Kriegstheorie, er schuf mit seinen verfeinerten Definitionen von Strategie und Taktik auch Begriffe, die geeignet waren, über den Bereich des Militärischen hinaus Verwendung finden zu können.

Weiter >>

Anmerkungen:

45. Aron, in Clausewitz-Gesellschaft, S. 43.
46. Kahn, S. 101.
47. Wörner, in Clausewitz-Gesellschaft, S. 201.
48. Kissinger, S. 73, S. 76.
49. Kahn, S. 101.
50. Dies gilt zumindest im Hinblick auf einen Krieg zwischen Atommächten. Ein Krieg zwischen Nicht-atommächten oder zwischen einer Nichtatommacht und einer konventionell kämpfenden Atommacht wird in der Regel immer noch nach Clausewitz geführt.
51. Wallach, in: Clausewitz-Gesellschaft, S. 276.
52. Paret, in: Dill, S. 365.