Web CarlvonClausewitz.de
Frontseite >> Reflexionen >> Strategie und Taktik in der Kriegstheorie Carl von Clausewitz' >>
 

IV. Differenzierung von Strategie und Taktik in der Clausewitzschen Kriegstheorie

1. Kulturphilosophische Herleitung

Von allen Stellen, an denen man eine Theorie beginnen kann, ist es meist am Besten, den Anfang zu wählen. In diesem Sinne wollte auch Clausewitz für die Definition des Krieges an dessem Anfang ansetzen, dort wo der Krieg noch überschaubar, wo der Zweikampf noch nicht allzu erweitert ist.

Nun könnte man im Sinne einer kulturphilosophischen Herleitung sogleich den Zweikampf zwischen Kain und Abel aus der Heiligen Schrift heranziehen, allerdings stände hierbei zu befürchten, daß der Ernst des Werkes darunter leiden könnte. Also legte Clausewitz seiner Ananlyse des Krieges etwas vorsichtiger die frühen Stammeskriege zugrunde, die "einfachen Verhältnisse wilder Völker". Bei diesen, so Clausewitz, waren die Kriege von ebenso geringer Komplexität wie die Gesellschaften. Es gab daher im Krieg auch nur "ein einziges großes Gefecht". Man traf aufeinander, schlug aufeinander und ging auseinander. Damit bestanden die ersten Kriege lediglich aus taktischen Manövern. Da nämlich niemand einen Sinn darin sah, wenn die gleichen Gruppen sich mehrmals an verschiedenen Orten zu aufeinanderfolgenden Gefechten gegenüberständen, gab es keine aufeinanderfolgenden Gefechte und damit auch keine strategischen Manöver.
Dies änderte sich, als die Gesellschaften komplexer wurden und mit ihnen die Kriege. Plötzlich war mit einem Gefecht noch nicht alles entschieden. Mehrere mußten geschlagen werden und deren Reihenfolge koordiniert. Die Kriegsherren planten strategisch, der Krieg zerfiel damit in mehrere Kriegshandlungen, die Gefechte, "und dies Zerfallen der Tätigkeit in so viele einzelne Handlungen hat seinen Grund in der großen Manigfaltigkeit der Verhältnisse, aus denen der Krieg bei uns hervorgeht"(27).

Ginge der Kampf bzw. Krieg in einem einzigen Gefecht auf, so würde sich auch die Kriegstheorie, wenn sie überhaupt nötig wäre, auf die Taktik als Lehre vom Gefecht beschränken können; erst das Zerfallen der kriegerischen Tätigkeit in mehrere Gefechte macht die Strategie als Koordination der Gefechte untereinander zum Zwecke des Sieges erforderlich(28).
Besagte Kriegsherren hatten damit mehr zu tun und Clausewitz die Grundlage für seine Theorie.

2. Definition von Taktik und Strategie

Im Sinne des gesunden Menschenverstandes machte Clausewitz, wie bereits angesprochen, die Unterteilung in Mittel und Zweck zur Grundlage seiner Definitionen.

a) Mittel

Im Krieg kannte Clausewitz nur zwei Mittel: die Streitkräfte und die Gefechte. Dabei leiteten sich die Streitkräfte direkt aus dem Kriegsbegriff ab und aus diesen die ständige Möglichkeit des Gefechtes. Und weil seine Zeitgenossen ihm dies nicht glauben wollten, fügte er an: denn gäbe es keine Gefechte, so bräuchte man auch keine Streitkräfte. Dies erscheint bestechend logisch.

Die Strategie bedient sich dabei der Gefechte und bestimmt deren Ort, Zeitpunkt und die Stärke der teilnehmenden Streitkräfte im Krieg.

Die Taktik bedient sich schließlich der Streitkräfte und bestimmt den Ort, Zeitpunkt und die Stärke ihres Einsatzes im Gefecht.

b) Zwecke

Die Bestimmung der Zwecke fiel Clausewitz offenbar immer schwerer als die der Mittel, wie gleich ersichtlich wird:

Zweck der Taktik im Gefecht ist der Sieg. Den Ausdruck Sieg beschränkt Clausewitz auf die Taktik(29). Wie dieser Sieg im Gefecht jedoch beschaffen sein soll, wird von der Strategie bestimmt:

"Vermittelst dieses Sieges erreicht die Strategie den Zweck, welches sie dem Gefecht gegeben hat, und der seine eigentliche Bedeutung ausmacht. Diese Bedeutung hat auf die Natur des Sieges allerdings einigen Einfluß. Ein Sieg, welcher darauf gerichtet ist, die feindlichen Streitkräfte zu schwächen, ist etwas anderes als einer, der uns bloß in den Besitz einer Stellung bringen soll."(30)

Zweck der Strategie im Kriege sind die Gegenstände, welche unmittelbar zum Frie-den führen sollen, also alles, was geeignet erscheint den Willen des Feindes endgültig zu brechen, um diesen zum, natürlich von uns bestimmten, Frieden zu bewegen. Letzteres kann durch die Eroberung seines Landes oder die Zerschlagung seiner Streitkräfte geschehen oder auch ganz anders. Das liest sich bei Clausewitz wie folgt:

"Die Strategie hat ursprünglich nur den Sieg, das heißt den taktischen Erfolg, als Mittel und, in letzter Instanz, die Gegenstände, welche unmittelbar zum Frieden führen sollen, als Zweck."(31)

Problematisch an dieser Beschreibung der Zwecke von Taktik und Strategie ist, daß man in einem Fall einen äußerst strapazierfähigen und dehnbaren Begriff hat [Sieg(32)], im anderen gleich mehrere Zwecke (alles was zum Frieden führt).
Allerdings erweist sich glücklicherweise, daß Strategie und Taktik jeweils nur ein Mittel besitzen, hier das Gefecht und dort die Streitkräfte. Daher entschloß sich Carl von Clausewitz, aus Gründen der Klarheit, Taktik und Strategie von den Mitteln her und nicht von den Zwecken zu definieren. In der Einführung zur Vorlesung über den kleinen Krieg schreibt Clausewitz dazu:

"Daß wir die Strategie nach ihrem Mittel und nicht nach ihren Zwecken bestimmen, geschieht deswegen, weil das Mittel (das Gefecht) ganz allgemein von ihr angewandt wird, nur eins ist und sich nirgends wegdenken läßt ohne den Begriff des Krieges zu zerstören; statt des hingegen die möglichen Zwecke sehr manigfaltig sind und sich nicht erschöpfen lassen."(33)

In seinem Artikel in der Neuen Bellona schreibt Clausewitz über die Ableitung der Definition von Taktik und Strategie aus dem Begriffspaar Mittel-Zweck:

"Die Strategie ist nichts ohne das Gefecht; denn das Gefecht ist der Stoff, dessen sie sich bedient, das Mittel, das sie anwendet. So wie die Taktik der Gebrauch der Streitkräfte im Gefecht ist, so ist die Strategie der Gebrauch des Gefechtes, das heißt die Verbindung der einzelnen Gefechte zu einem Ganzen, zu dem Endzweck des Krieges."(34)

3. Das Gefecht

Der Krieg ist bei Clausewitz ein organisches Ganzes. In "Vom Kriege" (II, 1) bemüht er sich zu zeigen, daß mit der Zweiheit Strategie-Taktik das gesamte Untersuchungsfeld der Kriegskunst ausgefüllt ist. Diese Dualität gründet sich, wie bereits oben dargestellt, auf die Unterschiedlichkeit des von beiden Teilen verwendeten Mittels oder Materials. "Im selben Zug", so Aron, "bestätigt sich die Verwandtschaft zwischen der Kriegskunst und den anderen Künsten oder dem Kunsthandwerk. Schließlich tritt an die Stelle des wahrnehmbaren oder räumlichen Prinzips der Unterscheidung zwischen Taktik, großer Taktik und Strategie ein intellektuelles Prinzip: Das Material oder das Mittel ist nicht dasselbe; das gleiche geschieht auf höherer Ebene: das Material oder Mittel ist nicht dasselbe in der Politik und dem Krieg."(35)

Als Unterscheidungskriterium zwischen Strategie und Taktik nimmt Clausewitz nicht wie etwa Bülow den Gesichtskreis des Feldherrn, sondern das Gefecht. Es ist das Mittel der Strategie und Betätigungsfeld der Taktik.
Da ihm hierdurch für die Trennung zwischen Strategie und Taktik eine solche Schlüsselrolle zukommt, scheint eine nähere Betrachtung desselben angemessen. Dabei wird schnell deutlich, daß die genaue Abgrenzung des Gefechts bei Clausewitz äußerst problematisch ist. Dies hängt zum einen mit seiner Definitionsweise zusammen, er bestimmt die Begriffen stets von den Extremen, dort wo die Unterschiedlichkeit offensichtlich ist. Den Grenzbereich, in dem die polaren Größen ineinander übergehen und der daher äußerst verschwommen ist, meidet er dadurch. Zum anderen liegt die Schwierigkeit der Abgrenzung aber auch in der Sache selbst.

Dennoch gibt Clausewitz erstmal eine überzeugende räumliche und zeitliche Abgrenzungsmöglichkeit für das Gefecht an die Hand: "Ein einzelnes Gefecht reicht im Raum genausoweit wie ein persönlicher Befehl, zeitlich gesehen bis zu dem Moment, in dem die für jedes Gefecht charakteristische Krise ganz vorüber ist."(36) Umsichtig räumt Clausewitz aber auch Situationen ein, in denen die Abgrenzung zwischen den einzelnen Gefechten nicht allzu klar erfolgen kann, in denen also dieselbe Handlung sowohl der Taktik, wie auch der Strategie zugerechnet werden kann.

Ein Beispiel wäre der Marsch:
Der Marsch im Gefecht ist, obwohl er noch nicht den Gebrauch der Waffen beinhaltet, nicht von diesem zu trennen, er gehört also in den Bereich der Taktik.
Dagegen entspricht der Marsch außerhalb von Gefechten der Ausführung strategischer Bestimmungen, mit ihm wird festgelegt, wann, wo, wie und mit wievielen Streitkräften das Gefecht stattfindet.
Um es noch etwas komplizierter zu machen, muß jedoch gesagt sein, daß auch der Marsch außerhalb von Gefechten taktischen Prinzipien gehorcht, insoweit die marschierenden Truppen zu jeder Zeit kampfbereit sein müssen.

Das Gefecht selbst kommt in der Konstellation des wirklichen Krieges dem reinen Krieg noch am nächsten, wenn auch seine ursprüngliche Einfachheit verloren hat und sich in einen "sehr modifizierten Zweikampf"(37) verwandelt hat(38). Denn Krieg heißt Kampf. "Wie manigfaltig dieser (der Krieg) auch sei, wie weit er sich von der rohen Erledigung des Hasses und der Feindschaft im Faustkampfe entfernen möge, wieviel Dinge sich einschieben mögen, die nicht selbst Kampf sind, immer liegt es im Begriff des Krieges, daß alle in ihm erscheinenden Wirkungen ursprünglich vom Kampf ausgehen müssen."(39)

Der Kampf äußerst sich in seiner ursprünglichen reinen Form nur noch im Gefecht, denn nur dort treffen die Waffen aufeinander. Das Gefecht ist folglich die eigentliche kriegerische Tätigkeit(40). Damit ist das Gefecht das einzige Mittel im Kriege(41).
Im wirklichen oder möglichen Gefecht ist also der nicht wegzudenkende Bezugspunkt jeder kriegerischen Handlung zu erblicken, ansonsten würde man, wie bereits erwähnt, keine Streitkräfte brauchen. Clausewitz betont dies, ohne sich vor der Banalität dieser Aussage zu ängstigen.(42)

Das Gefecht ist also das einzige Mittel der Strategie und damit des Krieges, dessen fester Bezugspunkt. Es wegzudenken hieße, die Strategie und damit den Krieg zu zerstören.

Das Gefecht ist also einerseits Grenzstein zwischen Strategie und Taktik, andererseits fester Bezugspunkt des Krieges. Es ist aber auch der Punkt, an dem sich die Wirkungen und Ursachen kreuzen, an dem sich Strategie und Taktik gegenseitig beeinflussen.

Die Strategie bestimmt Ort und Zeitpunkt des Gefechts und Größe der Streitkräfte. Die Taktik muß in diesem Rahmen operieren. Sie muß auf dem von der Strategie bestimmten Schlachtfeld agieren, zu einer bestimmten Zeit dazu, wobei die Streitkräfte, die sie einsetzen kann von der Strategie nach oben limitiert wurden. Andererseits hat der Ausgang des Gefechtes Einfluß auf die Strategie. Ob die vorgesehene Stellung erobert werden konnte, wie groß die Verluste im Gefecht waren, all dies wirkt sich auf die weitere Strategie aus. "Ein Zweck also, der sich des Gefechts als Mittel zur Vernichtung des Feindes bedient, muß sich selbst durch das verwendete Mittel mehr oder weniger prägen lassen, er kann nicht in der Autarkie seines Selbstverständnisses bestehen, er ist mit seinem Mittel nicht mehr derselbe, der er eventuell ohne es wäre"(43), so Kondylis. Besser liest sich dieses natürlich bei Clausewitz:

"Es stehen aber nirgend so sehr als in der Kriegführung Zweck und Mittel in beständiger Wechselwirkung; mit wie vielem Rechte auch die politischen Absichten den Dingen die erste Richtung geben, das Mittel, nämlich der Kampf kann nie wie ein todtes Instrument betrachtet werden; aus ihm selbst, aus seinem reichen Lebensprozesse schiessen tausend Motive hervor, die wichtiger und gebieterischer sein können als alle ursprünglichen politischen es waren."(44)

Was könnte man dem noch anfügen?

Weiter >>

Anmerkungen:

27. Vom Kriege, IV, 3 (S.204).
28. Vom Kriege, II, 1; Vgl. Kondylis, S. 45.
29. Aron, Den Krieg denken, S. 149.
30. Vom Kriege, II, 2 (S.103).
31. Vom Kriege, II, 2 (S.104).
32. In Vom Kriege, II,2 (S.103), gibt Clausewitz zwar als Zeichen des Sieges den "Abzug des Gegners vom Kampfplatz" an, doch scheint auch er nicht glücklich mit dieser Definition zu sein, hält doch die Wirk-lichkeit eine zu große Manigfaltigkeit an Möglichkeiten des Sieges bereit, als das eine befriedigende Definition gefunden werden könnte.
33. Aron, Den Krieg denken, S. 149.
34. Neue Bellona, S. 271; vgl. Aron, Den Krieg denken, S. 80.
35. Aron, Den Krieg denken, S. 149.
36. Vom Kriege, II 1 (S.84); Aron, Den Krieg denken, S. 152.
37. Vom Kriege, IV, 8 (S.226).
38. Kondylis, S. 45.
39. Schriften S. 222; vgl. Kondylis, S. 46.
40. Vom Kriege, IV 1, 3 (S.202, 204).
41. Vom Kriege, VIII, 1 (S.640).
42. Kondylis, S. 46.
43. Kondylis, S. 82.
44. Die Feldzüge von 1799, § 102; vgl. Kondylis, S. 82.