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III. Entwicklung der clausewitzschen Definition von Strategie und Taktik

1. Clausewitz' Kritik der Bülowschen Kriegstheorie

Wie die Welt, begann auch die Clausewitzsche Kriegstheorie mit dem Wort, allerdings mit einem Gegenwort. Die erste Veröffentlichung einer Definition von Strategie und Taktik durch Clausewitz ist Inhalt einer Rezension(9) des bülowschen Buches "Lehrsätze des neuern Krieges, oder reine und angewandte Strategie aus dem Geist des neueren Kriegssystems hergeleitet" mit dem Titel "Bemerkungen über die reine und angewandte Strategie des Herrn von Bülow; oder Kritik der darin enthaltenen Ansichten" in der militärwissenschaftlichen Zeitschrift Neue Bellona (10). Daher ist für die Entwicklung des clausewitzschen Denkens von Strategie und Taktik ist vor allem ein Mann von Bedeutung: Dietrich August Adam von Bülow, preußischer Leutnant außer Dienst, Weltreisender und Autor von über einem Dutzend Büchern militärischen und politischen Inhalts.

Interessanterweise aber nicht dadurch, daß er Clausewitz positiv beeinflußte, vielmehr war D. H. von Bülow für Carl von Clausewitz das, was man einen negatives Vordenker nennen könnte. Dessen Theorien empfand Clausewitz als zutiefst unbefriedigend, sie veranlaßten ihn schließlich, einen Gegenentwurf zu fertigen. Die clausewitzsche Kriegs-theorie begann somit eigentlich als Antwort auf die Bülowsche.(11)

Aus Bülows Arbeiten sind besonders drei hervorzuheben: Der Geist des neuen Kriegssystems von 1798, eine Kritische Darstellung des Feldzugs von 1800, die 1801 entstand und von 1805 das Buch Lehrsätze des neueren Krieges mit den wesentlichen Inhalten des erst- und des zweitgenannten Werkes. Neben der Tatsache, daß es sich dabei eigentlich nur um zwei Arbeiten handelte, sind vor allem die bülowsche Definitionen von Strategie und Taktik von Interesse, welche zu ihrer Zeit äußerst einflußreich waren. Als "strategisch" definierte er alle "militärischen Bewegungen außerhalb der Geschützreichweite oder Sichtweite des Feindes. Taktisch sind alle Bewegungen innerhalb dieser Reichweite."(12)

Zu Beginn seiner Rezension des Bülow-Buches in der Zeitschrift Neue Bellona arbeitete Clausewitz die Schwächen der bülowschen Methode heraus. So kritisiert der junge Carl von Clausewitz die bülowschen Definition als lediglich auf der Charakteristik der Wahrnehmung basierend, nicht jedoch auf abstrakter Charakteristik. Nach Clausewitz muß die Sache entscheiden, also die Kriegshandlung, gleichwohl muß im Sinne abstrakter Charakteristik auf Mittel und Zweck abgestellt werden. "Eigentlich ist keine Einteilung", bezogen auf Definitionen von Strategie und Taktik, "so logisch richtig sie auch seyn mag, von Nutzen, solange man den Zweck derselben nicht angegeben hat."(13)

Was sollte die Sichtweite mit der Sache, der Kriegshandlung, zu tun haben, so fragte sich Clausewitz weiter. Obwohl der fünfundzwanzigjährige Clausewitz zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzuviel Kriegserfahrung besaß(14), sah er nicht nur die Unzulänglichkeit dieser Definition, sondern auch ihren Mangel an Realitätsbezug. Bülows Definitionen waren nicht nur ungeeignet für die aktuellen Vorgänge im Krieg, sie besaßen, da sie teilweise auch auf zeitgenössischer Technologie basieren - Geschützreichweite - keine Gültigkeit für Vergangenheit und Zukunft(15). Clausewitz bemängelte sie als eine Definition, "die allerdings nahe an der Wahrheit herumstreicht, die aber nichtsdestoweniger ganz mechanisch und im höchsten Grade unphilosophisch ist"(16).

2. Clausewitz' Methode der Definition

In seinem Artikel in der Neuen Bellona beschreibt Clausewitz jedoch auch die Methode, auf deren Grundlage seiner Meinung nach eine Definition fußen muß:

"Wenn man den Gegenstand, welcher durch den Gebrauch eine gewisse Einteilung gelitten hat, genau betrachtet, und sich dabei von dem dunkel gedachten Einteilungsprinzip einigermaßen leiten läßt: so muß man am Ende auf den Punkt kommen, wo die Natur des Gegenstandes diejenige Veränderung erleidet, welche man bisher nur da, wo sie am auffallendsten war, an den Extremen, wahrgenommen hat."(17)

Nach der Methode von 1805, die Clausewitz sein Leben lang beibehalten wird, müssen als Ausgangslage bei der Definition immer die Extreme, die vollständigen Gegensätze, dienen.

In Hinblick auf D. H. von Bülow vertrat der junge Carl von Clausewitz nicht bloß eine andere, sondern eine gänzlich neue Vorstellung von Strategie und Taktik, ja vom Krieg überhaupt. Clausewitz leitete gleichsam einen Paradigmenwechsel in der Militärtheorie ein, man könnte ihn als Einstein bezeichnen, der sein relativistisches Weltbild an die Stelle der starren, mechanischen Weltsicht eines Newton setzt. Doch worin lagen nun konkret die Unterschiede, welche die Theorien der beiden in diesem Maße trennten?

3. Differenzen zwischen Bülows und Clausewitz' Theorie

Dietrich Heinrich von Bülow hing schlicht einem geometrischen und mechanischen Dogmatismus an, für ihn trennten sich Strategie und Taktik am Rande des Gesichtskreises. Wobei er, ganz im Sinne des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine Zukunft entwarf, in der er der Taktik fast jede Bedeutung absprach. Für ihn waren Kämpfe nicht mehr entscheidend. Er forderte statt dessen ein strategisches System von beherrschenden Stellungen und festgelegten Aufmarschwinkeln(18). Bülow knüpfte daneben in seinen "Lehrsätzen" an die Kriegführung des 18. Jahrhunderts an, er wollte den sich abzeichnenden Trend des schlachtenlosen Krieges verwissenschaftlichen, doch übersah er dabei, daß ein Trend kein Gesetz ist.

Im damaligen fin de siécle war der Krieg zu einem Brettspiel(19) verkommen, in dem man die gegnerischen Steine nicht mehr schlug, sondern nur noch die eigenen hin- und herschob, in der Hoffnung der Gegner täte gleiches. Man schlug keine Schlachten mehr, sondern versuchte nur noch, dem Gegner die Versorgungswege abzuscheiden. Der Grund dafür war einfach: den kriegführenden Parteien waren die Mittel wertvoller als die Zwecke. Sie schonten ihre Truppen, um deren selbst willen. Es mußte schließlich erst der Korse Bonaparte kommen, um diesen Kreis zu durchbrechen. Dazu formulierte Clausewitz einen, besonders von Engels geschätzten, Vergleich: "Die Waffenentscheidung ist für alle großen und kleinen Operationen des Krieges, was die bare Zahlung für den Wechselhandel ist." Während die Kriegführenden des 18. Jahrhunderts gleichsam mit Wechseln bezahlen konnten, mußte Napoleon Bonaparte aufgrund seines übergroßen Erwerbsinteresses zur Barzahlung übergehen. Zu umständlichen Umgehungsmanövern fehlte ihm Zeit und Geduld, weshalb er den Frontalangriff meist vorzog. Was ihm dabei den Vorsprung gegenüber allen Feinden gab, war im wesentlichen die unerhörte Wucht seiner Offensive, die unbekümmert um alle strategischen Künsteleien die Kräfte zusammenhielt zum entscheidenden Stoß an der entscheidenden Stelle, ohne viel ängstliche Rücksicht auf rückwärtige Verbindungen(20).

In Bülows Kriegstheorie trat an die Stelle der Gefechte ein staatliches Netzwerk von Depots und Befestigungen, entscheidend sollten fortan nur noch die Sicherung der Nachschublinien sein. Er ignorierte dabei die Bewegungen des Feindes, die Ursachen für Erfolg und Mißerfolg einer Schlacht, die physischen und moralischen Folgen des Kämpfens.(21) Clauswitz hielt dem entgegen: "Die Strategie ist nichts ohne das Gefecht; denn das Gefecht ist der Stoff, dessen sie sich bedient, das Mittel, das sie anwendet"(22).

Bülow wollte den Krieg begreifen, die Anwendung von Gewalt rationalisieren, ihn ver-wissenschaftlichen und voraussagbar machen, dabei übersah er jedoch manches, was sich tatsächlich im Krieg abspielt. Die Strategie müsse aber, schlußfolgerte Clausewitz, sich "nicht bloß mit den Größen" beschäftigen "welche einem mathematischen Calcul unterworfen sind; nein! überall, wo in der moralischen Natur der menschliche Scharfsinn ein Hülfsmittel entdeckt, was dem Krieger dienen kann, ist das Reich der Kunst"(23). Weiter schreibt er: "Wer hat wohl je gemeint, man müsse die Regeln der Dichtkunst auf das Silbenmaß und andere sinnliche Gegenstände einschränken? Wer bildet sich ein, das Studium des bildenden Künstlers beschränke sich auf die Kenntnis des menschlichen Körpers? Und wem ist es denn endlich eingefallen, die Strategie zu einer mechanischen Kunst, oder vielmehr zu einem Handwerk herabzuwürdigen?"(24)

Daraus wird ersichtlich, daß der Artikel in der Neuen Bellona noch eine weitere, für die clausewitzsche Kriegstheorie entscheidende, Aussage enthält. Der junge Clausewitz argumentiert, daß man an die Stelle der (bülowschen) mechanischen Kriegswissenschaft die organische Kriegskunst stellen sollte. Weiter heißt es dann: "Der Gegenstand einer Kunst, ist der Gebrauch der vorhandenen Mittel zum vorgesetzten Zweck."(25) Darin klingt auch bereits die so entscheidend werdende Mittel-Zweck-Orientierung an.

Clausewitz attakierte in Bülow den Anhänger einer Manöverstrategie, der sich als Revolutionär tarnte: den Theoretiker, der die Logik auf das Problem des Krieges anwenden wollte, aber so unzulänglich vorging(26). Bülow wähnte sich als militärwissenschaftlicher Wegbereiter und bereitete doch nur einen Weg in die Vergangenheit.

Während Bülow noch die Theorien des alten Paradigmas des kampflosen Krieges zu verabsolutieren suchte, schuf Clausewitz die theoretischen Grundlagen des neuen Paradigmas, das des absoluten Krieges. Allerdings hing er dabei keinem Dogmatismus an, seinem Denken nach konnte die Strategie die Taktik nicht ersetzen, denn schließlich ist es immer letztere, welche die Entscheidung nach sich zieht, wohingegen die Strategie lediglich das Gefecht vorzubereiten hat. Im (Zweck-)Rationalismus eines Clausewitz war auch kein Platz für scheinwissenschaftliche Definitionen, wie sie von D.H. von Bülow und all den anderen "Kriegswissenschaftler" verfertigt wurden. Er stellten deren Wissenschaftlichkeit in Frage, und als ob dies nicht schon reichen würde, stellte Clau-sewitz auch die Wissenschaftlichkeit des Krieges in Frage, denn für ihn war dieser eine Kunst, eine Kunst des Möglichen, wie man in Anlehnung an Bismarck anfügen könnte.

Doch genausowenig wie die Offensichtlichkeit der Kunst des Politischen jemanden davon abgehalten hat, zu versuchen, die Politik rational zu erklären und zu beschreiben, so wenig ließ sich Clausewitz von der Entdeckung des künstlerischen des Kriegerischen abhalten, den Krieg zu erklären und zu beschreiben oder zumindest einen Versuch dahingehend zu machen. Ein Ausschnitt daraus soll nun nachfolgend beleuchtet werden:

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Anmerkungen:

9. Interessanterweise veröffentlichte Clausewitz seine kritische Rezension in der Neue Bellona anonym, wenngleich heute zweifelsfrei seine Autorenschaft nachgewiesen ist.
10. Neue Bellona, IX, No. 3, 1805, S. 252-287; Obgleich der Artikel Clausewitz´ erste umfangreichere Veröffentlichung gewesen, relativierte sich ihre Bedeutung zu ihrer Zeit, da es eine umfangreiche Literatur von Bülow-Kritikern gab und es auch nicht unüblich war, diesen anzugreifen. (Paret, in: Dill, S. 371).
11. Gleichwohl muß auch vorab gesagt sein, daß Bülows Arbeiten auch positive Anregung für Clausewitz gaben. Der interessanteste und vielleicht auch wichtigste Impuls zu Clausewitzens Kriegstheorie kann von Bülows unbeholfenem Versuch ausgegangen sein, die Beziehung von Krieg und Politik zu definieren, die Clausewitz später in einer klassischen Formulierung zusammenfaßte. So schrieb Bülow: "Die politische Strategie verhält sich zur militärischen, wie diese zur Taktik, und politische Strategie ist die höchste. So wie die militärische die Operationen eines Feldzugs oder höchstens eines Krieges anordnet, so beschäftigt sich die politische mit dem Glanze und der Dauer der Reiche auf Jahrhunderte und Jahrtausende" (Bülow, Der Feldzug von 1805, S. 99).
12. v. Bülow, Lehrsätze, S. 1.
13. Clausewitz in: Neue Bellona, S. 256.
14. Erwähnenswert ist lediglich Clausewitz Teilnahme als dreizehnjähriger Fähnrich bei der Belagerung und Eroberung von Mainz 1793/94.
15. Paret, in: Dill, S.370.
16. Clausewitz in: Neue Bellona, S. 258.
17. Clausewitz in: Neue Bellona, S. 256 f.
18. Paret, in: Dill, S. 369
19. Auch Clausewitz hat v. Bülow beschuldigt, den Krieg als Kartenspiel betrachtet zu haben (Nohn, S. 18).; Später wurde die Strategie von Jomini mit einem Schachbrett verglichen (Wallach, in: Clausewitz-Gesellschaft, S. 273, Fn.5).
20. Ritter, in: Dill, S. 297.
21. Paret, in: Dill, S. 370.
22. Clausewitz in: Neue Bellona, S. 271.
23. Clausewitz in: Neue Bellona, S. 276.
24. Nohn, S. 19.
25. Neue Bellona, S. 12; Aron, S. 80.
26. Paret, in: Dill, S. 372.