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II. Clausewitz' Theorie des Krieges

1. Einordnung von Strategie und Taktik in die clausewitzsche Kriegtheorie

Nach Carl von Clausewitz ist der Krieg als "erweiterter Zweikampf"(2) aufzufassen. Der Krieg ist jedoch nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern lediglich Mittel der Politik.

Im clausewitzschen Modell erteilt die Politik durch den Souverän oder sein Kabinett den Kriegsbefehl an den Generalstab. Dieser arbeitet sodann den Kriegsplan aus, wobei mit der Verteilung der Gefechte die Strategie auf dem Reißbrett festgelegt wird. In jedem dieser Gefechte, sozusagen eine Ebene tiefer, äußert sich die taktische Planung, welche den Einsatz der Streitkräfte auf dem Schlachtfeld konzipiert. Auf diesem finden sodann die realen Zweikämpfe statt. Mit dieser Ereignishierarchie zeichnet Clausewitz die Entwicklung der kriegerischen Handlung vom bloßen Kriegsgedanken beim Souverän über die Kriegsplanung der Generalität bis zum wirklichen Kampf auf dem Schlachtfeld.

Die Besonderheit dieser Kriegstheorie ist die mit ihr gelungene Abstrahierung der verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu einem rationalen Modell des Krieges. Dies gelang Clausewitz vor allem durch die klare Differenzierung in Mittel und Zwecke, so daß bei ihm neben der Ereignishierarchie eine Hierarchie von Mittel und Zwecken auftritt.

2. Mittel, Zweck und Ziel bei Clausewitz

Einigkeit hinsichtlich der Kriegstheorie von Carl von Clausewitz herrscht vor allem in der Bekundung, daß sich diese durch eine besondere Klarheit auszeichnet. Diese Klarheit resultiert vor allem aus der Einbringung von gesundem Menschenverstand in die Theorie. So sind von Clausewitz auch und vor allem die Begriffe Strategie und Taktik mit gesundem Menschenverstand beschrieben worden.

Diese verständliche Darstellung durch von Clausewitz wurde und wird von vielen Kriegspraktikern bestätigt. So erklärte Adolf Hitler in Anlehnung an ein Wort von Helmuth Graf von Moltke: "Die Strategie ist keine Geheimwissenschaft, sondern die allgemeine Anwendung des gesunden Menschenverstandes."(3) Max Weber bezeichnete die Orientierung am gesunden Menschenverstand als Zweckrationalität. Das Begriffspaar Mittel und Zweck ist dabei das Grundelement der Beurteilung des richtigen menschlichen Handelns.

Clausewitz nutzte beide Begriffe seit seiner Strategie von 1804, um Taktik und Strategie abzugrenzen und zu beschreiben, in Vom Kriege differenzierte er mit ihnen Krieg und Politik in seiner nur allzu bekannten Formel.
Aron schreibt dazu:

"Das Verhältnis Mittel-Zweck, mit der Zweiheit Taktik und Strategie kombiniert, jede mit ihrer spezifischen Definition, führt zur Vorstellung vom Kriege als eines durch die Hierarchie von Mitteln und Zwecken strukturierten Ganzen, durch die Suche nach der Zweckrationali-tät auf jeder Stufe, wobei diese immer dem Endzweck der höheren Stufe untergeordnet ist: die des kleinen Krieges der des großen Krieges, die der Taktik der der Strategie, die der Zwecke im Kriege der der Zwecke des Krieges."(4)

Die besondere Klarheit des Clausewitzschen Denkens wird besonders deutlich, betrachtet man die Hierarchie von Mittel und Zwecken, mit der er den Krieg gleichsam in seine organischen Teile sezierte. An der Spitze sieht Clausewitz die Politik. Ihr Zweck ist das Wohlergehen des Staates und seines Volkes. Ein Mittel der Politik, um dies zu gewährleisten, ist der Krieg.

Zweck des Krieges, bzw. sein Ziel, ist die Schaffung von Frieden. Das Mittel, dessen er sich dazu bedient, ist die Gewalt. Für seine Durchführung wird eine Strategie entworfen. Deren Zweck (im Kriege) ist die Brechung des Willens des Feindes, bewirkt durch das Besetzen seines Landes oder durch die Zerschlagung seiner Streitkräfte.
Die Zwecke des Krieges bestimmen dabei immer die Zwecke im Krieg. Mittel der Strategie sind die Gefechte. Der Sieg in ihnen ist der Zweck der Taktik, wobei ihr Mittel in den Streitkräften besteht.

Des weiteren differenziert Clausewitz aber auch noch in Zweck und Ziel des/im Kriege(s):

"Man fängt keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen will: das erstere ist der Zweck, das andere das Ziel. Durch diesen Hauptgedanken werden alle Richtungen gegeben, der Umfang der Mittel, das Maß der Energie bestimmt, er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten Glieder der Handlung hinab".(5)

Diese Unterscheidung von Zweck und Ziel ist eine so präzise und andererseits so feine, daß sie in hervorragender Weise widerspiegelt, wie nahe Zweck und Ziel beieinander gesehen wurden. Daher konnte es auch immer wieder zu Gleichsetzungen kommen.(6) Wichtig wird diese Differenzierung in Zweck und Ziel vor allem bei der Betrachtung des Totalen Krieges. In diesem hat der Krieg "mit dem Ziel, den Gegner wehrlos zu machen, auf beiden Seiten über den politischen Zweck gesiegt"(7).

Ihre Geschlossenheit und Plausibilität bezieht die Clausewitzsche Kriegstheorie gerade aus der in ihr verkörperten Ganzheitlichkeit. So wie Zweck und Mittel finden sich bei ihm noch eine Vielzahl komplementärer Begriffspaare: Politik und Krieg, Angriff und Verteidigung und nicht zuletzt Strategie und Taktik. Der erstere Begriff bestimmt dabei immer den Inhalt des Zweiten, doch dieser wirkt auch wiederum auf den ersten ein. Als weitere polare Größen fungieren bei Clausewitz etwa auch die instrumentelle und die existenzielle Auffassung des Krieges.(8)

In diesem Rahmen muß man auch die clausewitzchen Begriffe Strategie und Taktik sehen, welche sich damit sehr von den Auffassungen seiner Zeitgenossen unterschieden.

An der clausewitzschen Methode ist zweierlei äußerst bemerkenswert. Zum Einen ordnet Clausewitz die abstrakten Begriffe Strategie und Taktik unter die scheinbar konkreten Begriffe Politik und Krieg an und bildet damit eine Begriffshierarchie, die vom Kabinettstisch bis auf Schlachtfeld reicht. Zum Zweiten benutzt er zur Differenzierung von Strategie und Taktik das Gefecht. Warum letzteres nun so bemerkenswert ist, wird deutlich, wenn man sich die Vor- und die Entwicklungsgeschichte der Clausewitzschen Definitionen von Strategie und Taktik besieht.

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Anmerkungen:

2. Clausewitz, Vom Kriege, 1. Buch, 1. Kapitel, 2 (S.17).
3. Eitner, Der Führer, S. 182.
4. Aron, Den Krieg denken, S. 150.
5. Clausewitz, Vom Kriege, S. 952.
6. Rauchensteiner, in: Clausewitz-Gesellschaft, S. 65.
7. Afheldt, S. 40.
8. Münkler, S. 92 ff.