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Vom Kriege

Erster Teil
Erstes Buch
Über die Natur des Krieges
Zweites Buch
Über die Theorie des Krieges

Drittes Buch
Von der Strategie überhaupt

Viertes Buch
Das Gefecht
Zweiter Teil
Fünftes Buch
Die Streitkräfte

Sechstes Buch
Verteidigung
1. Kapitel
Angriff und Verteidigung
2. Kapitel
Wie verhalten sich Angriff und Verteidigung in der Taktik zueinander
3. Kapitel
Wie verhalten sich Angriff und Verteidigung in der Strategie zueinander
4. Kapitel
Konzentrizität des Angriffs und Exzentrizität der Verteidigung

5. Kapitel
Charakter der strategischen Vereinigung

6. Kapitel
Umfang der Verteidigungsmittel
7. Kapitel
Wechselwirkung von Angriff und Verteidigung
8. Kapitel
Widerstandsarten
9. Kapitel
Die Verteidigungsschlacht
10. Kapitel
Festungen

11. Kapitel
Fortsetzung des vorigen Kapitels

12. Kapitel
Defensivstellung

13. Kapitel
Feste Stellungn und verschanzte Lager
14. Kapitel
Flankenstellungen
15. Kapitel
Gebirgsverteidigung

16. Kapitel
Fortsetzung

17. Kapitel
Fortsetzung
18. Kapitel
Verteidigung von Strömen und Flüssen
19. Kapitel
Fortsetzung

20. Kapitel
A. Verteidigung von Morästen
B. Überschwemmungen
21. Kapitel
Verteidigung von Wäldern
22. Kapitel
Der Kordon
23. Kapitel
Schlüssel des Landes
24. Kapitel
Flankenwirkung

25. Kapitel
Rückzug in das Innere des Landes

26. Kapitel
Volksbewaffnung

27. Kapitel
Verteidigung eines Kriegstheaters
28. Kapitel
Fortsetzung
29. Kapitel
Fortsetzung (Sukzessiver Widerstand)

30. Kapitel
Fortsetzung (Verteidigung eines Kriegstheaters, wenn keine Entscheidung gesucht wird)


Dritter Teil
Skizzen zum siebenten Buche
Der Angriff
Achtes Buch
Kriegsplan
 

 



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20. Kapitel

B. Überschwemmungen

Wir haben nun noch der Überschwemmungen zu gedenken. Sie sind unstreitig als Verteidigungsmittel sowie als Naturerscheinung großen Morästen am ähnlichsten.

Freilich kommen sie wohl selten vor; vielleicht ist Holland das einzige Land in Europa, wo sie eine Erscheinung bilden, die in unserer Beziehung der Mühe wert ist, betrachtet zu werden; aber gerade dieses Land nötigt uns wegen der merkwürdigen Feldzüge von 1672 und 1787 sowie wegen seiner für Deutschland und Frankreich beziehungsreichen Lage, diesem Vorkommen ein paar Betrachtungen zu widmen.

Der Charakter dieser holländischen Überschwemmungen ist von dem einer gewöhnlichen sumpfigen und unzugänglichen Niederung in folgendem verschieden:

1. Das Land selbst ist trocken und besteht entweder in trockener Wiese oder auch in Fruchtfeldern;

2. eine Anzahl kleiner Bewässerungs- und Entwässerungsgräben von mehr oder weniger Tiefe und Breite durchschneiden es so, daß sie sich strichweise in parallelen Richtungen befinden;

3. größere für die Bewässerung, Entwässerung und Schiffahrt bestimmte Kanäle, von Deichen eingeschlossen, durchziehen das Land in allen möglichen Richtungen und sind von der Art, daß sie ohne Brücken nicht passiert werden können;

4. die Fläche des Bodens der ganzen Überschwemmungsgegend liegt merklich unter dem Niveau des Meeres und folglich auch unter dem Niveau der Kanäle;

5. es folgt hieraus, daß man vermittelst Durchstechung der Dämme, Sperrung und Aufziehung der Schleusen imstande ist, das Land selbst unter Wasser zu setzen, so daß nur die auf den höheren Dämmen liegenden Wege trocken bleiben, die anderen entweder ganz unter Wasser kommen oder durch das Wasser wenigstens so aufgeweicht werden, daß man sich ihrer nicht mehr bedienen kann. Ist nun auch die Überschwemmung nur 3 oder 4 Fuß hoch, so daß man sie allenfalls auf kurze Strecken durchwaten könnte, so verhindern dies doch die unter 2. genannten kleinen Gräben, welche man nicht sieht. Nur da, wo die Gräben eine entsprechende Richtung haben, so daß man zwischen zweien fortgehen kann, ohne einen oder den anderen zu überschreiten, hört die Überschwemmung auf, ein absolutes Hindernis des Zuganges zu sein. Es ist begreiflich, daß dies immer nur auf ganz kurze Strecken der Fall sein wird, also nur für ganz spezielle taktische Bedürfnisse benutzt werden kann.

Aus allem diesen ergibt sich als Folge:

1. daß der Angreifende auf eine mehr oder weniger geringe Zahl von Zugängen beschränkt ist, die auf ziemlich schmalen Dämmen liegen und gewöhnlich noch rechts und links einen Wassergraben haben, also eine unendlich lange ängstliche Straßenenge bilden;

2. daß jede Verteidigungsanstalt auf einem solchen Damm außerordentlich leicht bis zum Unüberwindlichen verstärkt werden kann;

3. daß aber der Verteidiger, eben weil er so eingeschränkt ist, auch was den einzelnen Punkt betrifft, bei der passivsten Verteidigung stehenbleibt und folglich sein ganzes Heil von dem passiven Widerstand erwarten muß;

4. daß von einer einzelnen Verteidigungslinie, die wie eine einfache Barriere das Land schließt, nicht die Rede ist, sondern daß, weil man überall dasselbe Hindernis des Zuganges zum Schutz seiner Flanken hat, man auch unaufhörlich neue Posten anlegen und ein verlorengegangenes Stück der ersten Verteidigungslinie auf diese Weise durch ein neues ersetzen kann. Man möchte sagen, die Zahl der Kombinationen sei hier wie auf dem Schachbrett unerschöpflich.

5. Weil aber dieser ganze Zustand eines Landes nur bei der Voraussetzung einer sehr großen Kultur und Bevölkerung denkbar ist, so folgt von selbst, daß die Zahl der Durchgänge und folglich die Zahl der Posten, welche sie schließen, im Verhältnis zu anderen strategischen Aufstellungen sehr groß sein wird; woraus dann wieder folgt, daß eine solche Verteidigungslinie nicht lang sein darf.

Die holländische hauptsächlichste Linie geht von Naarden am Zuidersee größtenteils hinter der Vecht bis Gorkum an der Waal, d. h. eigentlich an den Biesbosch und hat eine Ausdehnung von etwa 8 Meilen. Zur Verteidigung dieser Linie ist 1672 und 1787 eine Macht von 25 bis 30000 Mann verwendet worden. Könnte man mit Sicherheit auf einen unüberwindlichen Widerstand rechnen, so wäre das Resultat allerdings ein sehr großes, wenigstens für die dahinterliegende Provinz Holland. Im Jahr 1672 widerstand die Linie wirklich einer beträchtlichen Übermacht unter großen Feldherren, nämlich anfangs Condé und nachher Luxemburg, die wohl 40 bis 50000 dagegen hätten führen können, und die doch mit Gewalt nichts unternehmen, sondern den Winter abwarten wollten, der aber nicht strenge genug war. Dagegen war im Jahr 1787 der Widerstand in dieser ersten Linie völlig nichtig, und selbst der in einer viel kürzeren zwischen dem Zuidersee und Haarlemer Meer, obgleich etwas ernstlicher, wurde durch die bloße Wirkung einer sehr künstlichen, auf die Lokalität genau berechneten taktischen Disposition des Herzogs von Braunschweig an einem Tage überwunden, obgleich die Streitkraft der Preußen, welche wirklich gegen diese Linien anrückte, den Verteidigern wenig oder gar nicht überlegen war.

Der verschiedene Erfolg in den beiden Verteidigungen lag in der Verschiedenheit des Oberbefehls. Im Jahr 1672 wurden die Holländer von Ludwig XIV. in ihren Friedenseinrichtungen überfallen, in denen, was die Landmacht betraf, bekanntlich kein sehr kriegerischer Geist lebte. Daher war der größte Teil der Festungen mit allen Ausrüstungsgegenständen schlecht versorgt, mit schwachen Besatzungen gemieteter Truppen besetzt, entweder von treulosen Ausländern oder von unfähigen Eingeborenen als Kommandanten verteidigt. Daher fielen die von den Holländern am Rhein besetzten brandenburgischen Festungen sowie alle ihre eigenen der obigen Verteidigungslinie östlich gelegenen Plätze mit Ausnahme von Groningen den Franzosen sehr bald und meistens ohne wahre Verteidigung in die Hände. Und in der Eroberung dieser großen Zahl von Festungen bestand dann die Haupttätigkeit der 150000 Mann starken französischen Armee.

Als aber durch die im August 1672 eingetretene Ermordung der Gebrüder De Witt der Prinz von Oranien an die Spitze der Gewalt kam und Einheit in die Verteidigungsmaßregeln brachte, da war es eben noch Zeit, die obige Verteidigungslinie zu schließen, und nun griffen alle Maßregeln so gut ineinander, daß weder Condé, noch Luxemburg, der nach dem Abmarsch der beiden Armeen unter Turenne und unter Ludwig XIV. die in Holland zurückgebliebene anführte, etwas gegen die einzelnen Posten zu unternehmen wagten.

Im Jahr 1787 waren die Verhältnisse ganz anders. Es war nicht die Republik der vereinigten sieben Provinzen, sondern eigentlich nur die Provinz Holland, welche den eigentlichen Feind des Angreifenden ausmachte und den Hauptwiderstand tun sollte. Von der Eroberung aller der Festungen, die im Jahr 1672 die Hauptsache ausmachte, war also nicht die Rede, die Verteidigung beschränkte sich sogleich auf die oben gedachte Linie. Der Angreifende hatte aber auch nicht 150-, sondern nur 25000 Mann und war kein mächtiger König eines benachbarten großen Reiches, sondern nur der abgeordnete Feldherr eines sehr entfernten, in manchen Rücksichten gebundenen Fürsten. Das Volk war zwar überall, auch in Holland, in zwei Parteien geteilt, aber die republikanische in Holland entschieden vorherrschend und dabei in einer wahrhaft enthusiastischen Spannung. Unter diesen Umständen hätte allerdings der Widerstand im Jahr 1787 wenigstens ein ebenso gutes Resultat liefern sollen als der von 1672. Aber es bestand ein wichtiger Unterschied zum Nachteil des Jahres 1787, es fehlte die Einheit des Befehls. Was 1672 der verständigen, klugen, kräftigen Leitung Wilhelms von Oranien übergeben war, wurde 1787 einer sogenannten Defenskommission anvertraut, die, ob sie gleich aus vier kräftigen Männern bestand, doch nicht imstande war, in das ganze Werk eine solche Einheit der Maßregeln und in die einzelnen Menschen ein solches Vertrauen zu bringen, daß sich nicht das ganze Instrument im Gebrauch unvollkommen und untüchtig gezeigt hätte.

Wir sind hierbei einen Augenblick verweilt, um der Vorstellung von dieser Verteidigungsmaßregel etwas mehr Bestimmtheit zu geben und zugleich zu zeigen, wie verschieden die Wirkungen sind, je nachdem in der Leitung des Ganzen mehr oder weniger Einheit und Folge ist.

Obgleich die Einrichtung und Widerstandsart einer solchen Verteidigungslinie ein Gegenstand der Taktik ist, so können wir doch nicht unterlassen, in Beziehung auf die letztere, welche der Strategie schon näher liegt, uns eine Bemerkung zu erlauben, welche uns der Feldzug von 1787 an die Hand gegeben hat. Wir glauben nämlich, daß, so passiv die Verteidigung auf den einzelnen Posten nach der Natur der Dinge sein muß, doch eine offensive Gegenwirkung von irgendeinem Punkt der ganzen Linie aus nicht unmöglich und nicht ohne guten Erfolg sein wird, wenn der Gegner, wie 1787 der Fall war, nicht merklich überlegen ist. Denn obgleich ein solcher Ausfall auch nur auf Dämmen geschehen kann, und da er allerdings auch keine große Freiheit der Bewegung und keine sonderliche Stoßkraft haben wird, so wird doch der Angreifende nicht imstande sein, alle die Dämme und Wege, auf denen er nicht selbst vorgeht, zu besetzen, und da dürfte es für den Verteidiger, der das Land kennt und im Besitz der festen Punkte ist, immer noch Mittel geben, um auf diese Weise entweder einen wirklichen Seitenanfall gegen die vorgehenden Angriffskolonnen auszuführen oder ihnen die Verbindung mit ihren Vorräten abzuschneiden. Wenn man aber bedenkt, in welcher unendlich gezwungenen Lage sich der Vorgehende selbst befindet, daß er namentlich von seinen Verbindungen abhängiger ist als in allen anderen Fällen, so wird man wohl begreifen, daß jeder Ausfall des Verteidigers, der nur eine entfernte Möglichkeit des Erfolges für sich hat, schon als Demonstration von einer großen Wirksamkeit sein muß. Wir sind sehr zweifelhaft, ob der vorsichtige und behutsame Herzog von Braunschweig, wenn die Holländer eine einzige solche Demonstration, z. B. von Utrecht aus, gemacht hätten, es gewagt haben würden, sich Amsterdam zu nähern.